„Mit dem Lastenrad kommen wir unseren Klimazielen näher“
Der Fraunhofer-Forscher Sascha Düerkop untersucht, wie Lastenräder auch abseits der Großstädte eingesetzt werden können. Ein Gespräch über Bestattungsfahrräder, eine britische Insel als Lastenrad-Vorbild und die Rolle von Cargobikes bei der Verkehrswende.
Fahrradheld:innen
Oktober 2025

Passt ein Lastenrad zum ländlichen Raum? Aber Hallo!
Herr Düerkop, das Thema „Lastenrad und ländlicher Raum“ klingt wie ein Widerspruch. Wie kamen Sie als Mathematiker zu diesem Thema?
Ursprünglich war es weniger meine Liebe zur Mathematik als meine langjährige Forschung im Bereich Logistik und Lieferketten. Die drängende Frage war dabei immer: Wie bekommen wir die Lkw von der Straße? Die Idee „mehr Güter auf die Schiene“ ist zwar attraktiv, aber die Umsetzung ist zäh. Für kurze, regionale Strecken braucht es andere emissionsarme Transportmittel. Was mich faszinierte: Es gab bislang kaum Forschung zu Lastenrädern im ländlichen Raum, obwohl es dort spannende Ansätze gibt.
Sie leiten das interdisziplinäre Forschungsprojekt RADLÄR, das sich mit genau diesem Thema befasst. Was ist Ihr Ziel?
Der Name ist Programm: RAD für Radlogistik, LÄR für ländliche Räume. Wir wollen verstehen, wo Radlogistik in ländlichen Räumen funktionieren kann und wo nicht – auch die negativen Ergebnisse interessieren uns. Das machen wir konkret in sechs Modellregionen deutschlandweit. In der nächsten Phase entwickeln wir konkrete Konzepte: Wer könnte so ein Rad kaufen, betreiben, fahren? Was könnte damit transportiert werden?
Das Lastenrad ist 130 Jahre alt und war auch in Deutschland überall präsent. Wieso ist es in Vergessenheit geraten?
Was interessant ist: Es gibt weltweit spannende aktuelle Beispiele für die wirtschaftliche Nutzung von Cargobikes: In Sambia, Rumänien oder England haben Lastenräder in ländlichen Regionen ganz selbstverständlich ihren Platz. Das wirft die Frage auf: Warum ist das in Deutschland so anders? Früher war das Lastenrad auch in Deutschland im Postverkehr gang und gäbe. Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandel hat es verdrängt: immer größere Pakete, wachsendes Versandvolumen. Hinzu kommt, dass die Verkehrspolitik in Deutschland lange stark auf Pkw und Lkw fokussiert war. Es gibt eine Konkurrenz um die Infrastruktur. Und das macht es schwer für Alternativen.

Dreirädriges Lastenrad auf Hamburgs Straßen, um 1900. © Public Domain, Online: https://www.mkg-hamburg.de/object/mkg-e00137818
Das Lastenrad als Treiber der Verkehrswende
Welche Rolle könnte das Lastenrad bei der Verkehrswende spielen?
Eine zentrale! Das Lastenrad kann uns dabei helfen, unsere Klimaziele zu erreichen, weil es fast emissionsfrei ist. Und damit meine ich nicht nur die großen Cargobikes, sondern auch Fahrradanhänger oder den Transport im Rucksack. All das kann eine Autofahrt ersetzen. Lastenräder können mittlerweile fast alle Transporte übernehmen, die nicht mehr als 500 Kilo wiegen, nicht größer als eine Palette sind und keine riesigen Distanzen zurücklegen müssen. Es gibt über 100 Arten von Lastenrädern, die zum Teil auch die größeren Pakete und -volumina bedienen können. Die Wirtschaft zeigt sich zunehmend interessiert, mit Wachstumsraten von etwa 400 Prozent pro Jahr.
Sie haben im Rahmen des Projektes ein Brettspiel entwickelt, um mit Bürger:innen über Lastenräder zu diskutieren. Wie sieht das konkret aus?
Wir nehmen das Spiel zu Workshops in den Modellregionen mit, wo Bürger:innen, Politiker:innen und Unternehmer:innen zusammenkommen. Die Hauptidee: Alle operieren auf Augenhöhe an gemeinsamen Lösungsideen. Die Leute denken sehr konkret über ihre Region nach: Welche Transporte finden innerhalb des Ortes statt? Sie bekommen im Spiel ein Lastenrad geschenkt und sollen überlegen: Welchen Transport könnte dieses Rad übernehmen? Das führt zu kreativen Diskussionen, aber auch dazu, dass Potentiale und Hemmnisse benannt werden.
Ein Klavierbauer nutzt sein Lastenrad für 80 Prozent seiner Fahrten

Lastenrad statt Ersatz-Auto in der Kfz-Werkstatt
Welche überraschenden Anwendungsfälle sind Ihnen begegnet?
Zu einem Workshop in Meppen kam ein Klavierbauer – nicht die erste Branche, die ich mit Lastenrädern verbunden hätte. Er nutzt sein Lastenrad für 80 Prozent seiner Fahrten: Reparaturen, Ersatzteile, Serviceleistungen. Klaviere transportiert er nicht damit. Ein sehr interessanter Fall, den wir nicht auf dem Schirm hatten. In Niedersachsen bietet eine Kfz-Werkstatt Lastenräder statt Ersatzwagen an. So können Leute testen, mit einem Lastenrad zu fahren.
Ein weiteres faszinierendes Beispiel ist das Bestattungsfahrrad. Das gibt es zum Beispiel bereits in Kopenhagen und in Langenhagen. Es transportiert Sarg oder Urne geräuscharm auf den Friedhof. Das klingt erst einmal ungewöhnlich, ist aber eigentlich viel pietätvoller als ein motorbetriebenes Fahrzeug.
Wie setzen die Modellregionen das Lastenrad bereits heute ein?
Drei unserer sechs Modellregionen nutzen Sharing-Angebote: Bürger:innen können Lastenräder für einen Euro am Tag mieten. In einer Region transportiert die Kreisverwaltung die komplette Korrespondenz täglich mit dem Lastenrad zwischen den verschiedenen Standorten. In Lingen gibt es Projekte zur Innenstadtentlastung: Geschäfte werden per Lastenrad beliefert. Zudem wird in einer Region das Lastenrad am Bauhof eingesetzt, für Mülltransporte in der Gemeinde.

Mit gutem Beispiel voran: Mit dem Lastenrad #Hotzenwaldkurier bringt Oliver Weinrich im Südschwarzwald Einkäufe zu Kund:innen. Diese Region im Süden der Republik gehört zwar nicht zu einer der Modellregionen des Projekts, aber das Beispiel zeigt, dass das Lastenrad auch im ländlichen Raum zuhause ist. © Oliver Weinrich
Das Lastenrad bietet auch Menschen ohne Führerschein praktische Mobilität
Schöne Erfolge. Und welche Hemmnisse stehen einer breiteren Akzeptanz von Lastenrädern entgegen?
Oft wird die Infrastruktur genannt, aber das würde ich abschwächen. Man kann auch die Straße fürs Lastenrad nutzen oder touristische Radwege. Ansonsten ist es oft Unwissenheit über die verschiedenen Lastenrad-Typen und die einfache Verfügbarkeit von Lkw und Transportern. Da gibt es dann zu wenig Gründe, das eigene Nutzungsverhalten zu ändern und aktiv nach anderen Lösungen zu suchen.
Ein Vorteil ist doch, dass alle Lastenrad fahren können, auch Menschen ohne Führerschein!
Genau. In einer Modellregion wollte man ein Lastenrad für den Grünschnitt anschaffen, weil im Bauhof ein afghanischer Geflüchteter arbeitet. Er schneidet das Grünzeug, muss es aber von jemandem mit dem Transporter abholen lassen, weil er keinen Führerschein hat. Mit einem Lastenrad kann er alles selbst erledigen.
Die Isle of Wight ist mein größtes Vorbild

Lastenrad für die letzte Meile
Welche Vorbilder für die gewerbliche Nutzung von Cargobikes faszinieren Sie besonders?
Die Isle of Wight in England. Dort bietet ein Unternehmen, Keert, eine smarte Kombination aus elektrischen Transportern und Lastenrädern an und bedient alle Transporte der Insel. Ein Paket wird per Lastenrad abgeholt, auf den Transporter umgeladen, ins andere Dorf gefahren und wieder per Lastenrad ausgeliefert. Außerhalb der Geschäftszeiten kann man sie privat mieten, sie kommen zu Strandpartys und bauen Musikanlagen auf. Sie haben Wege gefunden, die Räder 24 Stunden am Tag zu betreiben, ökologisch wie wirtschaftlich ein großes Vorbild.
Wenn Sie einen Wunsch für die Verkehrswende frei hätten, welcher wäre das?
Der wichtigste: mehr Planungsfreiheit bei der Infrastruktur. Bisher ist es fast unmöglich für Bürgermeister:innen, eine Landstraße zur Fahrradstraße umzuwidmen, auch wenn eine Umgehungsstraße gebaut wurde und der Autoverkehr gering ist. Das geht zwar, aber gegen viele Widerstände und nach Jahren der Planung. Der zweite Wunsch: mehr Klarheit in der Förderlandschaft. Es gibt viele Förderangebote auf Bundes-, Landes-, Kreisebene, das ist schwer zu durchschauen. Vor allem kleinere Kommunen, in denen Bürgermeister:innen mangels Personal selbst die Angebote raussuchen und die Anträge schreiben müssen, ist das Auffinden von Förderungen oft eine zu große Hürde.
Was können unsere Leser:innen konkret tun?
Mit anderen ins Gespräch kommen und sich etwa auch mal fragen: Passt mein Einkauf auch in eine Fahrradtasche oder in ein Lastenrad, sodass ich den Einkauf mit einer Radfahrt an der frischen Luft verbinden kann? Außerdem könnte unsere RADLÄR-Broschüre Anregungen geben mit vielen praktischen Anwendungsbeispielen fürs Lastenrad.

Sascha Düerkop und das RADLÄR Lastenrad-Brettspiel
Eine persönliche Frage: Fahren Sie selbst Lastenrad?
Noch nicht, aber ich plane, mir eins anzuschaffen, vor allem fürs Einkaufen. Ich wohne in einem Dorf ohne Supermarkt. Zur Arbeit ans Fraunhofer INT muss ich leider mit dem Pkw fahren. 30 Minuten Autofahrt, zweieinhalb Stunden mit dem ÖPNV. Da sind wir wieder beim Thema Verkehrspolitik.
Gratulation, Sie sind unser neuer JobRad-Fahrradheld. Denn Sie bringen mit Ihrer Forschung Menschen aufs Rad. Wer ist Ihre Fahrradheldin oder Ihr Fahrradheld?
Die „Freien Lasten“ aus Marburg beeindrucken mich sehr. Das ist eine ehrenamtliche Initiative, die es mit großem Engagement schafft, Lastenräder und Anhänger kostenfrei bereitzustellen. Damit machen sie klimafreundliche Mobilität für alle zugänglich, fördern Inklusion, Gemeinschaft und Umweltschutz. Die freien Lasten Marburg sind damit nicht alleine – insgesamt gibt es 184 solcher Initiativen in Deutschland.
RADLÄR
Zur Projektgruppe RADLÄR zählen zahlreiche Akteure aus Wissenschaft, Praxis, Verwaltung und Wirtschaft, darunter etwa das Fraunhofer INT als koordinierende Forschungseinrichtung, die Hochschule Fulda und die Frankfurt University of Applied Sciences für wissenschaftliche Prozessentwicklung und Simulation sowie Praxispartner wie Hermes Germany GmbH aus der Logistikbranche. Zudem beteiligen sich die Verwaltungen der sechs Modellregionen – beispielsweise Bad Soden-Salmünster, das Emsland oder Havixbeck – gemeinsam mit lokalen Unternehmen und Bürger:innen an partizipativen Workshops. Das Projekt RADLÄR wird gefördert vom Bundesministerium für Verkehr aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans.
JobRad® spendet für jedes Fahrradheld:innen-Interview 500 Euro an eine Nichtregierungsorganisation, die sich dafür einsetzt, Menschen aufs Fahrrad zu bringen. Das Geld für dieses Interview geht auf Wunsch unseres Fahrradhelden Sascha Düerkop an „Freie Lasten Marburg“.
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