„Radfahren hilft, den Kriegs-Alptraum in der Ukraine kurz zu vergessen“
Anton hält mit seinem Team den Fahrradladen BigToys Bikes in Kyjiw am Leben. Ein Gespräch über die Bedeutung des Fahrrads in Zeiten des Krieges, über Lieferschwierigkeiten und die Vielfalt der ukrainischen Fahrradkultur.
Fahrradheld:innen
Mai 2025

Trotz Luftangriffen und den Belastungen des russischen Angriffskriegs repariert und verkauft Anton Fahrräder und bringt Menschen in der Ukraine in den Sattel.
Seit über zehn Jahren arbeiten Sie als Fahrradmechaniker in Kyjiw. Wie schaffen Sie es, den Menschen trotz Krieg täglich Mobilität und Hoffnung zu geben?
Dieser Fahrradladen ist meine Familie. Ich liebe, was wir tun, und ich liebe es, wenn Menschen ihre neuen Fahrräder bekommen. Anderen zu helfen, auch nach drei Jahren Kriegs-Alptraum, mobil zu sein, gibt mir das Gefühl, das Richtige zu tun.
Am 24. Februar 2022 griff Russland die Ukraine an. Mussten Sie damals schließen?
Wir haben etwa eine Woche nach der massiven Invasion 2022 wieder angefangen zu arbeiten und das war verdammt beängstigend. Explosionen, Raketenangriffe, feindliche Hubschrauber und die unbekannte Zukunft ...
Wie gelingt es Ihnen heute, den Betrieb aufrechtzuerhalten?
Anfangs arbeitete ich von zu Hause aus und habe Bestellungen online angenommen. Mit meinem Bombtrack-Gravelbike fuhr ich zum Laden, um auszuliefern, da die Post nicht funktionierte. Heute läuft der Laden fast wie früher. Zum Glück ist Kyjiw weit von den Frontlinien entfernt.
Woher beziehen Sie Ihre Ersatzteile und Fahrräder?
Die Logistik hat sich durch die Blockade des Schwarzen Meeres drastisch verändert. Wir mussten neue Wege finden. Das führt zu Verzögerungen und höheren Preisen, da die Versand- und Zollkosten gestiegen sind. Dadurch sinkt auch die Nachfrage.
Welche Fahrradtypen sind besonders gefragt?
Die meisten Menschen suchen nach günstigen MTB-Rädern als Transportmittel. Andere wollen ein Gravel-Bike.

Die Fahrradcommunity hält zusammen
Mit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ist die Hoffnung auf einen echten Frieden geschrumpft. Trump spricht von „Friedensverhandlungen“, aber es ist ein „diktierter Frieden“ zu befürchten. Was denken Sie über die aktuellen Entwicklungen?
Leider sieht es nicht so aus, als würde Trump für internationales Recht und demokratische Prinzipien eintreten. Andernfalls würde er nicht so handeln, als hätte Putin kein souveränes Land angegriffen und keine Städte in der Ukraine zerstört. Russland will nicht nur ein paar Gebiete erobern, sondern die ukrainische Identität auslöschen. Trumps Worte und Handlungen sind voller russischer Propaganda-Lügen und das tut weh.
Wie ist die Stimmung derzeit in Kyjiw?
Wir Ukrainer:innen betrachteten die USA lange als einen unserer stärksten Verbündeten und die fortschrittlichste Demokratie der Welt. Aber jetzt fühlt sich das nicht mehr so an, im Gegenteil, es ist einfach nur niederschmetternd.
Ich hoffe, der Krieg endet bald und wir werden wieder auf Berggipfel radeln!

Was gibt Ihnen Kraft, trotz allem weiterzumachen?
Radfahren ist definitiv das, was mich motiviert und kurzzeitig auf andere Gedanken bringt. Zu Hause zu sitzen und ständig neue, deprimierende Nachrichten zu erhalten, ist für mich keine Alternative.
Welche Rolle spielt die Fahrradcommunity in Kyjiw für den sozialen Zusammenhalt in diesen schwierigen Zeiten?
Wir sammeln Spenden für die ukrainische Armee – das unterstützt die Landesverteidigung. Jede Spende, auch die kleinste, erleichtert es den Soldatinnen und Soldaten zu kämpfen. In einer idealen Welt sollte die Regierung dies von selbst tun können, aber unter diesen Umständen muss die ganze Nation zusammenhalten.
Gibt es etwas, was wir von Deutschland aus tun können, um zu helfen?
Die beste Hilfe ist eure Unterstützung, dieses Interview zum Beispiel. Und natürlich Spenden. Und geht wählen! Ich hoffe wirklich, dass kein europäisches Land in eine Situation gerät, wie die USA mit ihrem rechtsextremen Populismus, der das Land und die Welt ruiniert.

Wie sind Sie zum Radfahren gekommen?
Ich habe Radfahren schon immer geliebt – schon als Kind fuhr ich den ganzen Tag durch unser Dorf. 2004 war beim ersten BMX-Wettbewerb in Kyiv dabei. Seitdem fahre ich leidenschaftlich BMX. Sie wissen schon, mit einer Crew, neue Tricks lernen und Videos drehen. Es war großartig! 2017 habe ich eine andere Seite des Radfahrens entdeckt, nicht so extrem, aber abenteuerorientiert. Seitdem fahre ich mehr große Abenteuerräder.
Was bedeutet Radfahren für Sie heute?
Ich fahre jeden Tag Rad, sei es auf dem Weg zur Arbeit oder bei Touren am Wochenende. Radfahren ist die beste Möglichkeit, abzuschalten und vor all dem Albtraum zu fliehen, der uns hier jeden Tag umgibt. Es ist mein Lebensstil.
Was war Ihre schönste Erfahrung auf einem Fahrrad?
Meine Freunde und ich sind schon mehrmals mit dem Rad durch die Karpaten gefahren. Es war hart, aber es war auch wunderschön – definitiv meine beste Rad-Erfahrung. Ich hoffe, der Krieg endet bald und wir werden wieder auf Berggipfel radeln!
Wer ist Ihr:e Fahrradheld:in?
Jede:r Fahrradfahrer:in, der:die die Ukraine verteidigt! Iurii Makalis zum Beispiel. Er hat es während des Krieges geschafft, gemeinsam mit Mariia Shevchenko ein Buch über ukrainische Radfahrer mit dem Titel „Velorukh“ (Deutsch: Fahrradbewegung) zu veröffentlichen – es zeigt die Vielfalt der Fahrradkultur in der Ukraine.
Das könnte Sie auch interessieren

Fahrradheld und Filmemacher Ingwar Perowanowitsch erzählt im Interview von seiner Radreise für den Film Cycling Cities – und was er bei seiner Fahrt durch acht Fahrradstädte Europas gelernt hat. Jetzt Video streamen!

Die britische Cycling-Influencerin Sarah M. Jasat, auch bekannt als @cyclinginsparklywellies, steht uns im Fahrradheldinnen-Interview Rede und Antwort. Warum ist sie aufs Fahrrad umgestiegen und was erzählt sie ihren Follower:innen auf Instagram? Jetzt Video-Podcast hören!

Der Fraunhofer-Forscher Sascha Düerkop untersucht, wie Lastenräder auch abseits der Großstädte eingesetzt werden können. Ein Gespräch über Bestattungsfahrräder, eine britische Insel als Lastenrad-Vorbild und die Rolle von Cargobikes bei der Verkehrswende. Jetzt auch als Podcast!




